|
Licht im Lazarett
Stefan Becker reflektiert den Zusammenhang zwischen Licht und Malerei,
indem er im weißgestrichenen Innenraum der Galerie FOE 156, einer
ehemaligen Lazarett-Baracke, mit schwarzer Farbe ein "Sonnenlicht-Protokoll"
installiert und dadurch Zeit räumlich erfahrbar macht. In Anlehnung
an das Sonnenuhr-Prinzip wurde das durch eine quadratische Oberlichtverglasung
einfallende Tageslicht im Stundenabstand aufgezeichnet, indem Becker die
von raumkonstituierenden Balken geworfenen Schattenbilder mit Acryldispersion
auf Boden und Wänden fixierte.
Die Spuren des wandernden Tageslicht vernetzen sich an der Stirnwand zu
gitterartigen Strukturen, die ein wenig an das Balkengeflecht von Fachwerk
erinnern. So wirkt der in strenger Musikalität rhythmisierte Raum
zunächst wie konstruktivistische Malerei, präsentiert sich als
begehbare gewordenes "abstraktes Bild". Doch sind die geometrischen
Formen in diesem Fall mimetisch entstanden und repräsentieren das
Ergebnis des poetisch forschenden Versuchs, kinetische Qualitäten
des immateriellen "Gegenstandes Licht" transparent zu machen.
Das schwarz-weiße Environment dient wiederum als Hintergrundkulisse
für die simultan vorhandene bewegliche Ebene des ephemeren Schattenspiels.
Durch die hier fast filmisch anmutende Überlagerung zweier Realitäts-Schichten
wird die ursprünglich statische Raumarbeit spannungsbefördernd
um die Koordinate Zeit erweitert, wird die vierte Dimension ins Spiel
gebracht. Sinnvollerweise wird Beckers topologische Lichtmalerei durch
eine dokumentierende Fotoserie ergänzt.
Das zweite Werk in der Ausstellung funktioniert nach dem Modell der Camera
Obscura. Der Betrachter wird mit einem vollständig dunklen Raum konfrontiert,
dessen schwarz gestrichenes Fenster, in Analogie zur Lochkamera, nur eine
winzige Öffnung frei lässt, durch die gewissermaßen die
Außenwelt ins Zimmer geholt wird und als auf den Kopf gestellte
Projektion an der Wand erscheint. Platons Höhlengleichnis zitierend
wird der Schachtelraum lesbar als Allegorie der deutungsbedürftigen
Wahrnehmung von Welt und fungiert gleichzeitig als künstlerischer
Meta-Kommentar zum Medium Fotografie! Die anschaulich suggerierte Dunkelkammer-Situation
verhilft probater weise zu einer vom Künstler verordneten Konzentration
auf ein exemplarisches Bild der Wirklichkeit.
Sabine Dorothée Lehner
(Aus Flash Art, Oktober 1995)
|