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Licht- Schichtung und Farben- Klang
Zur Malerei von Stefan Moritz Becker
Licht-Räume
In früheren Arbeiten trat der Münchner Maler Stefan Moritz Becker
mit Malerei in situ hervor, also mit raumbezogenen Arbeiten, die sich
mit den Themen Raum, Licht, den dazugehörigen Schatten und schließlich
zunehmend auch der farbigen Stimmung im Raum beschäftigten. In einer
Reihe von In-Situ-Malereien fixierte Becker die vom Sonnenlicht erzeugten
Schatten von Fenstern in genau festgelegten Zeitabständen. Diese
gemalten Schattenwürfe sind geometrisch konstruiert und vergittern
Boden und Wände der Räume, eine sehr streng wirkende Konstruktion,
die manchmal an die frühen Filme der 20er Jahre mit ihren schweren
bedrohlichen Schatten erinnert. Becker war zunächst von der "Unfarbe"
Schwarz fasziniert, als Gegenpol zum Licht dem Schatten naheliegend (auch
wenn die Impressionisten bewiesen haben, dass Schatten farbig sind), jedoch
in der künstlerischen Gestaltung sehr schwierig einzusetzen, mit
Ausnahme einiger hervorragender Schwarz-Maler, wie Manet, Matisse, Beckmann
und Ad Reinhardt, dem Becker in Bildaufbau und Technik nahe zu stehen
scheint. In manchen Schattenarbeiten konnte auch Becker der schwarzen
Strenge eine unwillkürlich berückende Ästhetik abgewinnen,
wie z.B. in seiner Installation Herbst-Äquinoktium (1993 im Atelier
des Künstlers).
In jüngeren Raummalereien bringt er zunehmend die Buntfarben ins
Spiel. In Lichtraum Orangerie begnügt er sich nicht mehr mit der
schwarzen Fixierung der wandernde Schatten der Fenstersprossen. Er tritt
dem Spiel von Licht und Schatten mit einem farbigen Eingriff in den Weg,
der, so einfach er ist, umso wirkungsvoller sich zeigt: der Maler grundiert
die Fensterflächen mit transparenten Farben, so dass das bemalte
Fenster wie eine Malerei selbst wirkt, wobei der alte Anspruch der Malerei
als "finestra aperta" (Alberti) in sein Gegenteil verkehrt wird.
Der Blick öffnet sich nicht nach außen, auf eine imaginäre
Außenwelt, sondern wird im Innen gefesselt, gebannt von dem je nach
Lichteinfall wechselnden Spiel des Lichtes im farbigen Filter. Das durch
das Fenster dringende Licht taucht den gesamten Raum der Orangerie in
Blau. Dieses Phänomen ist beim Eintreten besonders intensiv wahrzunehmen,
wird aber durch die Adaption des Auges bei längerem Verweilen in
hellere Nuancen modifiziert. Beim Verlassen des Raums aber erscheint nun
der Komplementäreffekt: das Sonnenlicht, das vor Betreten der Orangerie
noch weiß erschien, wirkt nun orange. Mit diesem einfachen Experiment
gelingt es Becker, auf die Relativität der Wahrnehmung von Farben
in sehr effektiver Weise hinzuweisen, eine in den Realraum projizierte
Interaction of Color, wie sie auch Josef Albers nicht eindrucksvoller
hätte vorführen können.
Solche Farb-Räume hat Becker an verschiedenen Orten realisiert, wie
z.B. 1998 im Ausstellungspavillon der Overbeck-Gesellschaft, wo nicht
nur die Farbe Blau erscheint, sondern im Foyer des Ausstellungsraumes
ein Dreiklang in strahlendem Rot, Blau und Gelb eingesetzt wird. Was auf
den ersten Blick, aufgrund der gliedernden Fensterkonstruktionen vor allem
von außen wie eine leuchtende konstruktivistische Farbfeld-Malerei
im Sinne von Mondrian oder van Doesburg wirkt, erhält durch die Wechselnden
Geschwindigkeiten (so der Lübecker Ausstellungstitel) der Wahrnehmung
beim Hin- und Hergehen in den Räumen eine wahrnehmungstheoretische
Dimension. Je nach Blickpunkt des Betrachters ergeben sich aus den Farbfeldern
in Gelb, Magenta und Cyan neue Mischungen zu Orange, Violett und Grün
und vielfachen Zwischentönen. Hinzu kommen die farbigen Schatten
an den weißen Wandflächen, die eine zweite chromatische Ebene
bilden. Becker geht es aber nicht nur um die Demonstration farbiger Lichtphänomene
analog zur prismatischen Zerlegung des natürlichen weißen Lichts
in ein Spektrum von Farben, also um die künstlerische Überhöhung
des "experimentum crucis" von Newton, mit dem die physikalische
Farbenlehre ihren Ausgangspunkt nahm. Genauso wenig werden die prismatischen
Versuche von Goethe zitiert, auch wenn dieser Hintergrund eher ins geistige
Konzept des Künstlers passen würde. Vielmehr zeigt der nähere
Blick auf die bemalten Fensterscheiben keine homogenen Farbflächen,
sondern sehr differenziert aufgetragene Pinselfakturen in der malereitypischen
Verschränkung horizontaler und vertikaler Pinsellagen, die die Pigmente
in abgestuften Verdünnungsgraden auf die Glasfläche aufgebracht
haben. Dadurch definiert Becker das Fensterglas als Malfläche, auf
der - wie auf einem Tafelbild - malerische Handlungen vollzogen sind,
die den Betrachter zum Nachvollzug einladen. Malerei auf Glas, Durchlichtung
der Farbe und die Wirkung im Farb-Licht-Raum ergänzen und durchdringen
sich wechselseitig zu einer komplexen Strategie der Malerei.
In der Entwicklung der modernen abstrakten Malerei haben sich Farbe und
Form emanzipiert und sind selbst zum Thema der Malerei geworden. In der
Befragung des eigenen Mediums wird aber bei Becker weniger eine "Malerei
nach dem Ende der Malerei" als monochromes Exerzitium zelebriert,
sondern entfalten sich neue Wahrnehmungsräume, die Malerei als visuelle
Erkenntnis zu reflektieren ermöglichen. Beckers Farb-Räume sind
somit auch Instrumente visueller Erfahrungen, die nur im Medium der Malerei
möglich sind.
Blausphären und Rotlichter
Die am häufigsten von Becker verwendeten Farben entstammen dem Blaubereich,
naturgemäß ein kühler Farbbereich, der aber durchaus zu
vielfältigen Nuancierungen und Temperaturdifferenzierungen fähig
ist. Das typische Malerblau ist das Ultramarinblau, in seiner synthetischen
Variante ein strahlendes, reines Blau, das Becker in großen leuchtenden
Flächen oder aber in aufblitzenden Zwischenräumen (zwischen
zwei Farbfeldern) zum Leben bringt.
In der Geschichte des Blau in der Malerei denkt man vor allem an zwei
Maler, die sich mit Blau auf ganz unterschiedliche Weise beschäftigt
haben: einmal Paul Cézanne, vor allem in seinen Aquarellen, und
ein halbes Jahrhundert später Yves Klein in seinen intensiven monochrom-
ultramarinblauen Bildern. Durch Verwendung eines speziellen Binders, der
das Pigment nur schwach bindet und damit seinen Materialcharakter betont,
entfalten sie eine besondere Strahlkraft. Wollte Cézanne mit den
blauen Farbstufungen Luft und Atmosphäre wiedergeben und seinen Bildräumen
genügend Weite zum Atmen geben, so ging es Klein allein um die spirituelle
Ausstrahlung des Farbwertes Blau, wie er in der Symbolik der Farbe seit
dem Mittelalter festgelegt erscheint. Auch bei Becker scheint der spirituelle
Pol der Farbsymbolik angesprochen zu sein, zumindest in der Faszination
des Farblichts, das aus den transparenten Lagen der Farben auch in den
Tafelbildern aufscheint und den Bildraum erweitert.
In den medialen Nachbarkünsten lassen sich ebenfalls farbsymbolische
Zuweisungen finden, so etwa in Michelangelo Antonionis Il Deserto rosso
(Rote Wüste, 1964), in dem die Farbe Rot Stimmung und Handlungsabläufe
des Films beeinflusst. In Blue (1993) ist die Idee der Farbstimmung von
Derek Jarman noch stärker radikalisiert worden. 76 Minuten lang erscheint
im rein visuellen Teil des Films ein leinwandfüllendes, monochrom
leuchtendes Blau: "Blau transzendiert die feierliche Geographie menschlicher
Grenzen" (Jarman).
Die andere Lieblingsfarbe von Becker ist jedoch Rot, der genaue Gegenpol
zu Blau. Das geistige kühle Blau steht zum warmen, männlich-aggressiven
Rot in einer fruchtbaren Spannung, die in der Malerei (z.B. bei Tizian)
nicht selten bevorzugt zum Ausdruck kommt. Auch Rot lässt sich in
eine Vielfalt von Nuancen auffächern, und Becker hat in seinen Raumsituationen
und Bildern tatsächlich eine ganze Palette von Rottönen "dekliniert",
von Rosa bis Orange, von Zinnober bis Dunkelrot. Mischt man aber Rot und
Blau so erscheint die Reihe der Violett und Purpurfarben, mithin jene
Farbreihe, die in der Künstlerfarbenlehre eine
bedeutende Stellung innehat, man denke nur an das Purpur in Goethes Farbenkreis
(als Steigerungsfarbe von Rot und Blau), wie es auch Hölzel in seiner
Farbenlehre nachvollzogen hat. Das echte Purpur, aus dem stinkenden Saft
der Purpurschnecke gewonnen, war in der Antike Zeichen hoher Würde,
was sich bis heute in den liturgischen Farben niederschlägt. Als
Pigment kommt dem alten Purpurton am ehesten das Karminrot entgegen, unter
den modernen organischen Pigmenten wohl ein Quinacridone- Ton oder Alizarin-
Krapplack dunkel. In der blauen Variante, als Violett, bekommt es allerdings
etwas "Krankhaftes, Erlöschtes", eine Farbe für alte
Frauen und Trauerkleider, wie Kandinsky meinte. Becker geht es aber weniger
um die farbsymbolischen Zusammenhänge als um die Darstellung farbiger
Phänomene. In den Fenster-Malereien wird sehr eindringlich sichtbar,
daß die Farben eng mit dem Licht zusammenhängen. Gerade im
Wechselspiel des sich ständig verändernden Lichts erscheint
die Farbenwelt verlebendigt und zeigt sich von heruntergedimmten Stimmungen
(der vielbeschworenen "blauen Stunde") bis zu leuchtenden Apotheosen
strahlender Gelbtöne in einer Vielfalt von Zwischenstufen, die so
in der Tafelbild-Malerei gar nicht auftreten können.
Farb-Schichtungen
Die ganze Brillianz der Farben hat sich in den neuen Bildern von Becker
offenbart. Die Rückkehr zum Tafelbild bedingte die Konzentration
auf das Farben-Material in einer neuen Folge ungewöhnlich dichter
Gemälde. Becker hat in dieser Serie licht- und farbvoller Bilder
sein ganzes maltechnisches Wissen hineingelegt, das weit über das
normale Basiswissen der akademischen Ausbildung hinausgeht. Auf traditionellen,
geschliffenen Halb-Kreidegründen sind alle Bilder in der heute selten
geworden Eitempera- Technik gemalt, in der Technik, mit der Giotto die
abendländische Malerei revolutionierte. Becker hat diese Technik
für seine Zwecke modifiziert (mit Leinöl natur und Dammarfirnis)
und erzielt damit eine stark pigmentierte, dadurch matte Oberfläche,
die die Leuchtkraft der Farben voll zum Ausdruck bringt, ohne die materielle
Grundlage zu vernachlässigen. In bis zu 18 dünnen Schichten
aus reinen und auch gemischten Farben sind die Bilder deckend, halb deckend
und lasierend aufgebaut. Die übereinander gelegten Farbschichten
verdichten sich in kreuzförmigen Strukturen zu fein-differenzierten
Farb-Geweben, die an den Rändern den Prozeß der Schichtung
ablesen lassen. Die Farbwahl geht meist von einem dominanten Farbklang
aus, der von der Grundfarben-Trias bestimmt wird, zeigt aber im Aufbau
der lasierenden Schichtungen eine Reihe schillernder Zwischentöne,
sowie auch einige starkfarbige Akzente, die wie Lichtblitze aus den Strukturen
hervorleuchten.
In seiner sorgfältigen Lasurtechnik bedeckt Becker nicht immer vollständig
die zuvor angelegten Farbschichten, sondern lässt den Lasurstrich
vor dem Bildrand stoppen oder größere Zwischenräume bilden,
so daß allein durch die Schichtung der Farben geometrische Bildgerüste
entstehen. Allerdings sind diese Binnenformen nicht zirkelgenau in konstruktivistischer
Manier gezogen, sondern aus der malerischen Bewegung des Pinselstrichs
gewonnen. Sie zeigen eine persönliche malerische Handschrift, die
die Farb-Formen lebendig macht. Letztendlich bestimmt der Farbklang die
Entstehung der Formen, denn allein aus der Überlagerung der Pinselzüge
entstehen die nuancenreichen Farbzüge, die in der Ausgewogenheit
gegensätzlicher Bewegungsrichtungen zu einer Gesamtharmonie verschmelzen.
So entstehen atmende Farb-Räume, in denen Formen gleichsam hinter
Schleiern auftauchen und wieder in den großen Farbzusammenhang zurückgenommen
werden. Formverfestigung und -verflüssigung sind in eine sensible
Balance gebracht, die von dem großen Gespür des Malers nicht
nur für Farbharmonien, sondern auch für Proportionen im Bild
zeugen. Dazu gehört auch die Auswahl der Bildformate, die Becker
nach bestimmten musikalischen Maßverhältnissen vorgenommen
hat.
Der zeitlich ablesbare Ablauf der Farbschichtungen, die Farbstimmung,
der fugenartige Aufbau des Bildes suggeriert tatsächlich eine Nähe
zur Musik, die für den vielseitigen, auch Klavier spielenden Künstler
nicht unerheblich ist. Das Thema Farbe und Musik ist fast so alt wie die
Malerei selbst, beginnend in der Antike, sich aber zu einem Höhepunkt
in der Kunst des 20. Jahrhunderts steigernd. Die großen fruchtbaren
Beziehungen zwischen Malern und Musikern, zwischen Kandinsky und Schönberg,
zwischen Itten und Hauer, zwischen Schlemmer und Hindemith, zwischen Rothko
und Feldman, zielen auf eine angenommene, tiefere Verwandtschaft der Künste,
auf den von Tieck so benannten "poetischen Urgrund" der Künste,
der alle künstlerischen Ausdrucksformen in einer gemeinsamen geistigen
Bestrebung verbindet. Natürlich hat jeder Künstler seine ganz
eigene Vorstellung von den Inspirationen, die er aus der Musik zu ziehen
gedenkt, aber einige Begriffe tauchen in den Künstlerschriften immer
wieder auf: Rhythmus, Klang, Bewegung, grundlegende Begriffe für
die Entstehung und Entwicklung der abstrakten Malerei im 20. Jahrhundert
bis in die heutige Zeit.
Beschäftigte die historische Avantgarde die "Verzeitlichung
des Raums" unter dem Erfahrungsdruck der Beschleunigung und Ausdehnung
in Wissenschaft und Gesellschaft, so setzten spätere Künstlergenerationen
ihr eigenes poetisches Welt-Bild gegen das wissenschaftliche Fortschrittsdenken
und schufen Bildmodelle einer "individuellen Mythologie".
Stefan Moritz Beckers Malerei, insbesondere seine neue Bildreihe, ist
geprägt von einer außerordentlichen Sensibilität für
Farbe und Form, zeigt aber auch in den vielfältigen, hier angedeuteten
Bezügen eine Offenheit zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen
(Musik und Film), die seine Bilder - jenseits stilistischer Etikettierungen
- nicht nur zu einem ästhetischen Genuß, sondern auch zu einem
intellektuellen Vergnügen machen.
Dr. Hajo Düchting, Dezember 2002
Weitere Veröffentlichungen von Hajo Düchting:
· Farbe am Bauhaus. Synthese und Synästhesie
(Gebr. Mann Verlag)
· Paul Klee. Malerei und Musik (Prestel)
· Paul Cézanne. Natur wird Kunst (Taschen)
· Robert und Sonja Delaunay. Triumph der Farbe
(Taschen)
· Bildkomposition (Ravensburger)
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